Die Musik im 14. und 15. Jh.: Zwischen schwarzem Tod und weissen Noten
Dienstag, 17.03.2026
Zwischen 1346-1353 wütete vom südlichen östlichen Mittelmeer bis zur nordwestlichsten Ostsee die Pest. Ein Drittel der damaligen Bevölkerung, geschätzte 25 Millionen Menschen, wurden vom Schwarzen Tod dahingerafft. Ganze Landstriche und Städte wurden menschenleer, es war eine Katastrophe apokalyptischen Ausmasses, die in Werken wie Bocaccios Decamerone im Hintergrund zu spüren ist. Dabei ist die Pest nur eine der Katastrophen, die den Zeitraum zwischen 1300 und 1500 prägten. Klimaveränderungen, Hungersnöte, Pestwellen, ein nicht endend wollender Krieg, ein genauso lautes wie lähmendes Schisma in der Kirche forderten die Menschen physisch wie psychisch heraus. Dennoch vermitteln die Quellen, auch Musikquellen keineswegs den Eindruck von passiver Resignation, vielmehr zeugen sie von erstaunlicher Resilienz und humorvoller Lebensfreude unter Schriftstellern, Musikern und Künstlern. In Musik und Kunst verhandelte und bewältigte man die Bedrohungen der Umwelt und der Politik. Dem Weltuntergangsszenario entgegnete man mit verschiedenen konträren Strategien: Ablasshandel und Armutsgelübde, Hedonismus und Selbstgeisselung, Wallfahrten und Bankgeschäfte, entfesselte Kreativität und Mystik, Theologische Haarspalterei und Reliquienkult, Diplomatie und Grausamkeit. Das Wissensmonopol der Kirche war bereits im 13. Jh. durch die Gründung von Universitäten und die Verlagerung grosser Bevölkerungsgruppen von ruralen Gebieten in urbane Zentren gebrochen. Stadtbürger, Zünfte, Universitätsgelehrte bilden neue Gruppen heraus, die Machtbefugnisse in Anspruch nehmen und kulturelle sowie musikalische Teilhabe gewinnen. Diese neuen Gesellschaftsschichten erdreisten sich, emblematische Bauten, wie das Berner Münster zu stiften, die deren erstarkten Machtanspruch kühn symbolisieren. Im musikalischen Bereich lassen sich auch dank des breiteren Quellenstromes spürbare Veränderungen erkennen. Dem Epochenbegriffen Ars Nova und Trecento können wir mehr und bessere Quellen als allen früheren Jahrhunderten zuordnen. Im 15. Jh. entstehen umfangreiche Werksammlungen, die ein europäisches Repertoire überliefern, das über den gesamten europäischen Bereich verbreitet wird: die Netzwerke Kirche, Krone und Universität sind die Wissensautobahnen der Zeit und reichen von Dublin, bis Sizilien, von Lissabon bis Prag. Die Akteure der Musik werden greifbarer, sie legen auch Wert auf ihre Urheberschaft und Identität. Zwei Quellen, die sich in der Berner Burgerbibliothek befinden, werden wir sogar in Augenschein nehmen können. Neben der Kirchenmusik blüht die höfische Kunst in ungeahnter weise auf. Die Vorlesung nimmt Akteure, Phänomene, Kompositionstechniken und Kontexte, die für die Musik relevant sind, unter die Lupe, um ein Gesamtbild der musikalischen Kultur dieser faszinierenden Jahrhunderte zu vermitteln.
| Dozierende(r): | Prof. Dr. Cristina Urchueguía |
|---|---|
| 17.03.2026: | 10:15 - 12:00 |
| Ort: | 1. Etage, 120, Seminarraum Uni Mittelstrasse Mittelstrasse 43 |
Sie können diese Veranstaltung in ihrer persönlichen Agenda speichern. In Ihrer persönlichen Veranstaltungsübersicht finden Sie alle relevanten Detailinformationen zu Ihren gespeicherten Veranstaltungen zum Ausdrucken.
